Kain und Abel: Aalto-Theater Essen zeigt provokante Hilsdorf-Inszenierung

Das Oratorium Kain und Abel hat am Samstagabend in Aalto Theater Premiere gefeiert. Es geht um die biblische Geschichte vom Bruder-Mord. Kain tötet Abel weil er eifersüchtig ist. Dadurch fordert er den Zorn Gottes heraus. Das Oratorium Kain und Abel stammt aus dem Jahr 1707 und enthält daher auch eine christliche Botschaft, sagt Regisseur Dietrich Hilsdorf. „Aber auch schon da sagt Adam am Ende: Gott warum hast du das nicht verhindert? Warum hast du zugelassen, dass Abel erschlagen wird? Ja, das muss man sich fragen, und das muss sich Gott fragen lassen“, so Hilsdorf.

© Matthias Jung

In der Inszenierung am Aalto Theater gab es für die sechs Figuren auf der Bühne – Adam und Eva, Kain und Abel, Teufel und Gott – kein Entrinnen: Das Bühnenbild hat keine Türen und die Flucht durch den Zuschauerraum misslingt. Alle Darsteller bleiben so die ganze Zeit auf der Bühne und das hat weitreichende Folgen, erklärt Regisseur Hilsdorf: „Abel hört, wenn Kain sagt, ich werde dich umbringen. Die Frage ist, warum Gott da nichts tut? Warum die Eltern nichts tun?“. Das Oratorium von Alessandro Scarlatti mit dem Libretto von Antonio Ottoboni geht aber weit über den biblischen Text hinaus und macht aus ihm einen Opernstoff. Das bedeutet konkret zum Beispiel: Anders als in der Bibel, haben in der Oper alle Figuren eine Psychose. „Man hat das Gefühl, der Teufel ist der am wenigsten belastete und Gott der mit der größten Psychose“, meint Hilsdorf. Das ist natürlich höchst provokant – und auch sonst ist bei der Inszenierung Provokation und Kritik offenbar eingeplant. Denn Hilsdorfs Inszenierung vermittelt: Der Mensch ist per se nicht gut (sondern mordet), die Welt auch nicht gut und so müsse Gott ständig nachbessern. Überhaupt hat Gott nichts mehr zu sagen: Direkt in der ersten Szene sitzen alle an einem Tisch und Gott hält eine Ansprach. Doch niemand hört zu, niemand beachtet Gott – nicht einmal Adam und Eva. Alle löffeln nur ihre Suppe aus. Was ist das für ein Gottesbild? Theologisch haltbar sind diese Ansichten nicht, provokant und zum Nachdenken anregend aber allemal.

Provokant inszeniert: Kain und Abel im Aalto-Theater Essen

Die Inszenierung gehe deutlich über das Libretto hinaus, sagt Philipp Mathmann (Abel): „Das ganze Libretto ist eigentlich katholisch und ernst gemeint, aber diese Inszenierung ist sehr kirchenkritisch“. Seine Figur des Abel ist eigentlich sehr naiv und das Opfer in der biblischen Geschichte. In der Inszenierung handelt er allerdings strategisch und etwas hinterhältig – „das macht die Figur sehr spannend“, meint Mathmann. Kain werde so fast schon zum Opfer und am Ende sozusagen dazu gedrängt, zum Mörder zu werden.


Diese ungewöhnliche Inszenierung von Kain und Abel am Aalto Theater ist provokant und herausfordernd, sie regt zum Nachdenken an und bietet zahlreiche religiöse Spitzen und kritische Anspielungen, die es zu entdecken gilt. Die Premiere fand am 25. Januar statt. In den nächsten Wochen gibt es noch acht weitere Vorstellungen. Die nächste ist am 30. Januar. Mehr auf der Webseite des Aalto-Theaters.

© Sven Christian Schulz / Radio Essen

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