Coachin: «Mut zum Unperfektsein hilft Eltern im Job»

Frau geht mit ihrem Kind über eine Straße
© Christin Klose/dpa-tmn

Tag der berufstätigen Eltern

München (dpa/tmn) - Kind und Karriere zu vereinbaren, ist vielfach immer noch eine Herausforderung. Wer familiäre und berufliche Verpflichtungen jongliert, muss im Beruf oft kürzertreten. Gerade Mütter kleiner Kinder arbeiten häufig in Teilzeit, das bringt Vorbehalte und organisatorische Hürden mit sich. Wie finden Eltern eine gute Balance? Wie integriert man sich als Teilzeitkraft gut ins Team?

Evelyn Wurster, systemische Coachin und Organisationsberaterin und selbst Mutter von Zwillingen verrät im Interview, wie Eltern eine gute innere Haltung für ihre Doppelrolle finden und ihre Bedürfnisse clever kommunizieren.

Frage: Frau Wurster, viele Eltern - gerade Mütter - arbeiten in Teilzeit. Was ist aus Ihrer Sicht der erste Schritt, um einen guten Umgang damit zu finden?

Evelyn Wurster: Es beginnt bei einem selbst: Mit welcher Identität gehe ich in die Teilzeit? Bin ich hauptsächlich Mutter und habe zusätzlich noch einen Job – oder Arbeitnehmerin, die gerade Teilzeit arbeitet, aber langfristig Ambitionen hat? Beides ist in Ordnung, aber jede Entscheidung kommt auch mit einem Preis. Von dieser Haltung hängt ab, wie ich mich im Team verhalte und mit Kolleginnen und Kollegen umgehe.

Frage: Welche Tipps geben Sie berufstätigen Eltern generell, um den familiären wie beruflichen Herausforderungen bestmöglich zu begegnen?

Wurster: Es hilft sehr, sich selbst und in der Partnerschaft klar zu werden: Wer übernimmt was, wie viel Berufstätigkeit ist realistisch? Wie wollen wir uns in dieser Phase als Eltern aufstellen, wer übernimmt wie viel Care-Arbeit? Müssen wir uns Unterstützung holen?

Und dann muss man diese Entscheidung auch dem Arbeitgeber und dem Team gegenüber transparent kommunizieren. Etwa, indem man sagt: «Im kommenden Jahr kann ich nur diese Stunden leisten, aber danach sprechen wir bitte wieder darüber, wie es weitergeht.» 

Routinen können sehr entlasten: zum Beispiel feste Einkaufstage, einfache Essenspläne, verlässliche Abläufe, um sich da mentale Kapazitäten zu schaffen. Und Netzwerke – Großeltern, Babysitter oder Absprachen mit anderen Eltern. 

Hilfreich ist es meiner Erfahrung nach auch, wenn man die Möglichkeit hat, zumindest einen langen Arbeitstag pro Woche einzuplanen - an dem man nicht um 15 Uhr losmuss, um das Kind aus der Kita oder Schule zu holen. Es erleichtert unheimlich, wenn ich weiß: «Heute kann ich in Ruhe etwas fertig machen und es bleibt sogar noch Zeit für einen Kaffee mit der Kollegin.» Dadurch ist man auch im Team oft präsenter.

Frage: Apropos Teamarbeit: Was ist bei der Kommunikation mit dem Team wichtig?

Wurster: Wichtig ist das Thema Transparenz. Alle sollten wissen: Wie sind meine Arbeitszeiten, wann habe ich mehr Flexibilität, wann weniger? Außerdem sollten Teams ein gewisses Maß an «Geben und Nehmen» pflegen. Wer etwa wegen eines kranken Kinds ausfällt, kann nach Möglichkeit anbieten, am nächsten Tag länger zu bleiben, wenn der Partner die Betreuung übernehmen kann.

Prinzipiell sollte man da als Eltern aber selbstbewusst reingehen. Das Leben mit Kindern ist nun mal vielschichtig und teils auch unberechenbar. Gleichzeitig hilft es, sich in die Position der anderen Teammitglieder zu versetzen und zu sagen: «Ich weiß, dass es jetzt echt doof ist, wenn ich ausfalle.» Aber da muss man sich nicht entschuldigen, sondern kann klar formulieren: «Hey, heute geht es leider wirklich nicht, aber dafür kann ich dies und das und jenes anbieten.» Das Gefühl von Fairness ist da sehr wichtig. 

Frage: Nichtsdestotrotz begegnen Eltern - gerade mit kleinen Kindern - oft auch Vorbehalte. Wie geht man damit um, wenn man doch Karriereziele erreichen will?

Wurster: Das ist ein heikles Thema. Eigentlich dürfen Arbeitgeber ja gar nicht thematisieren, ob jemand zum Beispiel bald wieder schwanger sein könnte oder häufig wegen kranker Kinder ausfällt. Mitgedacht wird es natürlich trotzdem.

Hier hilft meiner Einschätzung nach, ganz offen ins Gespräch zu gehen, wenn man Vorbehalte spürt: «Welche Erfahrungen haben Sie denn mit Eltern gemacht? Wovor haben Sie Bedenken?» So kann man Vorurteile offenlegen und neue Gedanken anstoßen.

Wichtig ist, deutlich zu machen: «Ich bin motiviert und will diesen Job wirklich.» Das kann Bedenken aushebeln, und dem Arbeitgeber zeigen, dass es mitunter riskanter sein kann, eine unmotivierte Person ohne Kinder einzustellen als eine engagierte Mutter. 

Wer will, kann sich auch proaktiv als Tandem bewerben - das funktioniert auch bei Führungspositionen. Zwei Personen teilen sich die Führungsrolle. Das bringt Stabilität und Flexibilität – ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

Frage: Was raten Sie Eltern, die das Gefühl haben, sie müssen sich ständig zwischen Familie, Beruf und eigenen Bedürfnissen zerreißen?

Wurster: Mir hilft das Bild eines Gasherds mit vier Flammen: Beruf, Familie, Freunde und Selbstfürsorge. Alle werden von einer Gasflasche gespeist. Drehe ich eine Flamme voll auf, bleibt für die anderen weniger Gas übrig. Drehe ich alle gleichzeitig voll auf, ist die Gasflasche wahnsinnig schnell leer.

Heißt: Hier muss man eine Balance finden. Manchmal steht die Familie im Vordergrund, dann läuft die Karriere-Flamme eben kleiner. Das ist völlig in Ordnung, denn später kann ich sie wieder höher drehen. Wichtig ist, nicht alles gleichzeitig perfekt machen zu wollen. Gerade junge Mütter setzen sich oft unter Druck. Mein Rat: Mut zum Unperfektsein.

Zur Person: Evelyn Wurster begleitet als systemische Coachin und Organisationsberaterin Führungskräfte und Teams und ist selbst Mutter von Zwillingen. In ihrem Blog schreibt sie über Führung und wie gute Zusammenarbeit im Team gelingt.

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Evelyn Wurster
Evelyn Wurster begleitet als systemische Coachin und Organisationsberaterin Führungskräfte und Teams und ist selbst Mutter von Zwillingen.© Ulrike Pager/Evelyn Wurster/dpa-tmn
Evelyn Wurster begleitet als systemische Coachin und Organisationsberaterin Führungskräfte und Teams und ist selbst Mutter von Zwillingen.
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