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Schwarzfahren in Essen: Bald keine Straftat mehr?
© Martin Möller / Funke Foto Services
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Schwarzfahren in Essen: Bald keine Straftat mehr?

Wer in Essen ohne Ticket mit der Bahn oder dem Bus fährt, kann dafür im schlimmsten Fall im Gefängnis landen. Die Grünen fordern jetzt, dass die Ruhrbahn in Zukunft auf Strafanzeigen für Schwarzfahrer verzichtet. Die spricht sich jedoch für die Strafverfolgung aus.

Veröffentlicht: Donnerstag, 12.03.2026 16:15

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Bußgeld in Essen nicht bezahlt? Dann droht Gefängnis

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60 Euro zahlen Schwarzfahrer in Essen, wenn sie erwischt werden. Passiert das wiederholt, kann die Ruhrbahn Strafanzeige stellen. Dann gibt es höhere Geldstrafen. Und wer die nicht bezahlt? Dem droht eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe. In der JVA Essen sind aktuell 25 Personen wegen "Beförderungserschleichung" inhaftiert, sagt Manuela Lutter von der JVA Essen auf Radio Essen-Nachfrage. Bis zu ein Jahr kann man hinter Gitter wandern, wenn man kein Ticket hatte. Ein Tag in Haft kostet den Staat ungefähr 200 Euro. Die JVA möchte sich allerdings nicht dazu äußern, ob sie eine Entkriminalisierung des Schwarzfahrens begrüßen würde.

Die Grünen wollen jetzt im Rat der Stadt Essen genau das erreichen. Die Ruhrbahn soll Personen, die ohne Ticket unterwegs sind, nicht mehr anzeigen. Dann wäre das Schwarzfahren in Essen faktisch entkriminalisiert. Denn das Schwarzfahren wird nur strafrechtlich verfolgt, wenn die Ruhrbahn Anzeige erstattet.

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Warum bringt die Ruhrbahn in Essen Schwarzfahrer zur Anzeige?

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Hintergrund für das Vorgehen der Ruhrbahn in Essen ist § 265a StGB - das Erschleichen von Leistungen. Über diesen Paragraphen wird auch auf Bundesebene viel gestritten. Da unmittelbar keine Einigung in Aussicht ist, wollen die Grünen jetzt bei uns auf kommunaler Ebene eine Änderung erreichen:

Da es sich bei §265a StGB um ein Antragsdelikt handelt, wird die Staatsanwaltschaft ohne eine Strafanzeige des Verkehrsunternehmens nicht tätig. Durch den Verzicht auf Strafanzeigen kann somit auf kommunaler Ebene eine faktische Entkriminalisierung des Fahrens ohne gültigen Fahrausweis erreicht werden, sagen die Grünen.

Immer mehr Städte gehen den Weg, Schwarzfahren nicht mehr anzuzeigen - in NRW zum Beispiel Köln oder Düsseldorf. Dort zahlen Schwarzfahrer nur das "erhöhte Beförderungsentgelt", also 60 Euro. Das soll laut dem Vorschlag der Grünen in Essen auch so bleiben.

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Was sagt die Ruhrbahn zu dem Vorschlag der Grünen?

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Die Ruhrbahn spricht sich klar gegen den Vorschlag der Grünen aus, Schwarzfahren zu entkriminalisieren. Aus Sicht des Unternehmens führt Fahren ohne gültigen Fahrausweis zu erheblichen Einnahmeausfällen und belastet damit das gesamte Nahverkehrssystem. Dieses werde schließlich größtenteils durch Fahrgelder und Öffentliche Mittel finanziert.

„Damit schadet man auch den ehrlichen Fahrgästen“, erklärt Ruhrbahn-Sprecherin Simone Klose auf Radio Essen-Nachfrage.

Außerdem sieht das Unternehmen juristische Probleme: Würde Schwarzfahren nur noch als Ordnungswidrigkeit gelten, hätten Kontrolleure deutlich weniger Möglichkeiten, etwa die Personalien von Fahrgästen festzustellen. Laut Ruhrbahn könnte das die Hemmschwelle senken, ohne Ticket Bus und Bahn zu nutzen.

Radio Essen-Stadtreporterin Louisa Beer hat sich mal bei Euch umgehört, was Ihr davon haltet, das Schwarzfahren zu entkriminalisieren:

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Louisa Beer
Was denkt Ihr dazu, das Schwarzfahren zu entkriminalisieren?
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Was passiert mit Schwarzfahrern in Essen, die ihre Geldstrafe nicht zahlen können?

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Im vergangenen Jahr hat die Polizei Essen 1727 Fälle von Schwarzfahren aufgenommen und zur Anzeige gebracht. Dazu kommen noch Fälle, bei denen die Ruhrbahn die Polizei nicht eingeschaltet hat.

"Im Jahr 2025 hat die Ruhrbahn 63.915 Beanstandungen bei Ticketkontrollen erfasst. Unter Berücksichtigung der Dunkelziffer entstehen der Ruhrbahn durch Fahren ohne Fahrschein Schäden in siebenstelliger Höhe", so Simone Klose von der Ruhrbahn.

In den meisten Fällen wird die Geldstrafe nach einer Anzeige zwar bezahlt, den Grünen geht es aber vor allem um die Personen, die die Geldstrafe nicht bezahlen können.

"Betroffen sind überdurchschnittlich häufig Menschen, die bereits mit Überschuldung, Arbeitslosigkeit, psychischen Erkrankungen, Suchterkrankungen sowie Obdach- oder Wohnungslosigkeit konfrontiert sind", so Sandra Schumacher, Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen Ratsfraktion aus Essen.

Allerdings liegt hier ja auch der Knackpunkt: Denn was passiert , wenn eben genau diese Personen die Geldstrafe von 60 Euro nicht bezahlen können oder wollen? Ist das nicht dann ein Freifahrtsschein fürs Schwarzfahren?

Dafür haben auch die Grünen noch keine abschließende Lösung. Über diese und andere Fragen wollen die Grünen am 18. März bei einem Diskussionsabend sprechen - dort wird auch die Geschäftsführerin der Ruhrbahn sowie ein Vertreter der Initiative Freiheitsfonds, die Schwarzfahrer aus der Haft freikaufen, dabei sein.

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