
Bundesjugendspiele in Essen: Klassischer Wettkampf oder spielerischer Wettbewerb?
In Essen finden an Grundschulen jährlich die Bundesjugendspiele statt. In den letzten Jahren wurden sie als spielerischer Wettbewerb organisiert. Jetzt könnte der klassische Wettkampf zurückkommen. So reagieren die Grundschulen und der Sportbund in Essen.
Veröffentlicht: Donnerstag, 09.07.2026 12:45
Grundschulen in Essen: Was gibt es für Änderungen bei den Bundesjugendspielen?
Wettlaufen, Weitsprung, Werfen - die Bundesjugendspiele kennt eigentlich jeder in Essen. Manche blicken stolz auf ihre Ehrenurkunde zurück, andere schaudern, wenn sie nur an die Teilnahme denken. In den letzten Jahren haben sich die Sportspiele verändert. Seit dem Schuljahr 2023/2024 wurden die jährlichen Bundesjugendspiele für alle Grundschulkinder in Essen nur noch als Wettbewerb und nicht mehr als Wettkampf organisiert. Davor war das nur in den ersten beiden Klassen der Fall. Es sollte alles lockerer zugehen, ohne den großen Druck, der für viele oft dahintersteckt. Deshalb gab es die letzten Jahre zum Beispiel nur eine Urkunde, die die Teilnahme bestätigt, aber keine Stufen zur Sieger- oder Ehrenurkunde, die die Leistung bewerten.
Jetzt haben die Bundesminister entschieden, dass die Bundesjugendspiele doch wieder leistungsorientierter werden sollen. Ab sofort ist es in den dritten und vierten Klassen wieder erlaubt, die Bundesjugendspiele im klassischen Wettkampfmodus durchzuführen. Dabei ist es den Grundschulen aber selbst überlassen, ob sie zu diesem klassischen Wettkampf zurückkehren oder nicht.
Wollen Grundschulen in Essen den Wettkampf bei den Bundesjugendspielen zurückholen?
Radio Essen hat sich bei Grundschülern umgehört. Die Bodelschwinghschule aus Altendorf möchte den klassischen Wettkampf bei den Bundesjugendspielen zurückbringen. Schulleiterin Hannelore Herz-Höhnke war selbst schon in der Leichtathletik aktiv:
"Die Kinder sollen sich messen. Man muss im Leben lernen, dass man auch mal verlieren kann. Natürlich gibt es manchmal auch Tränen. Ich habe mich selbst früher im Kampfsport und in der Leichtathletik gemessen und weiß, was das bedeutet."
Die Grundschüler würden den Wettkampf auch selber einfordern, so Herz-Höhnke. Die Lehrer würden das immer wieder raushören. Beispiele seien Fragen wie: "Dürfen wir ein Wettrennen machen?" oder "Wie weit habe ich den Ball geworfen?"
Auch Thorsten Flügel, Geschäftsführer des Sportbundes in Essen, befürwortet den Wechsel zum klassischen Wettkampf bei den Bundesjugendspielen:
"Kinder dürfen und sollen sich messen. Den Wettkampf wegfallen zu lassen, halte ich für völlig falsch. Enttäuschungen sowie Erfolge gehören zum Leben dazu."
Auch die verschiedenen Urkunden (Ehrenurkunde, Siegerurkunde und Teilnehmerurkunde) sollten wieder verteilt werden.
"Kinder sollten am Ende das in der Hand halten, was sie geleistet haben", sagt Thorsten Flügel.
Wie die Grundschulen in Essen Ihre Bundesjugendspiele organisieren, können sie aber individuell entscheiden.
Grundschule in Essen entscheidet sich für spielerisches Sportfest
An der Grundschule Nordviertel in Essen finden keine klassischen Bundesjugendspiele mehr statt. Stattdessen gibt es alle zwei Jahre ein Sportfest, bei dem die Grundschulkinder in den klassischen Disziplinen (Laufen, Springen, Werfen) gegeneinander antreten.
Der Unterschied zu den klassischen Bundesjugendspielen ist, dass es beim Werfen und Springen keine genauen Messungen mehr gibt. Die Sprunggrube wird in unterschiedliche Zonen (zwei bis vier Meter, fünf bis sieben Meter) eingeteilt, an denen sich sowohl die Kinder, als auch die Lehrerinnen und Lehrer orientieren. Außerdem erhält jedes Schulkind, anders als im klassischen Wettkampf, am Ende des Sportfestes eine einheitliche Urkunde. Am Freitag (19. Juni) hat das Sportfest an der Grundschule erneut stattgefunden. Rund 480 Grundschulkinder haben mitgemacht und hatten trotz 30 Grad viel Spaß, sagt unsere Radio Essen-Stadtreporterin, die vor Ort war.
Kirsten Nesse, Referendarin an der Grundschule Nordviertel in Essen, war bei dem Sportfest dabei und erklärt, warum sich die Schule für den spielerischen Wettbewerb entschieden hat:
"Wir haben uns für ein kindgerechtes Design entschieden und gegen eine Durchstufung mit Ehren- und Teilnehmerurkunde. Damit soll jede Leistung gleichermaßen gewürdigt werden. Wir wollen den Sport in den Vordergrund rücken, nicht nur die Leistung. Das haben wir im Schulsystem ja sowieso häufig. Da ist es schon schön, wenn man in einem Wettbewerb einfach mal gegen sich selber antritt und das Bestmögliche rausholt."
Robert Lamprecht ist seit fünf Jahren Sozialpädagoge an der Grundschule Nordviertel. Auch er findet, dass der spielerische Wettbewerb die richtige Wahl für Sportveranstaltungen ist:
"Die Kinder freuen sich, wenn sie eine Urkunde bekommen. Da spielt es weniger eine Rolle, ob da eine eins, zwei oder sieben als Platzierung draufsteht. Sondern es geht darum, eine Anerkennung für die Leistung zu bekommen. Da geht es nicht um ein Siegertreppchen. Wir wollen einfach, dass die Kinder Spaß haben, sich bewegen und nicht in diesem Wettkampf-Gedanken verhaftet sind."
Für ihn selbst seien solche Sportveranstaltungen immer ein absolutes Highlight in der Schulzeit gewesen.
Kinder-Umfrage: Das sagen die Grundschüler aus Essen
Radio Essen hat auch die Andreasschule in Essen-Rüttenscheid besucht und dort ein paar Grundschulkinder zu dem Thema befragt. Bundesjugendspiele mit dem Fokus auf den Wettkampf oder auf Spaß? Lieber eine Urkunde für alle, oder doch lieber Ehren- und Teilnehmerurkunden? Die Kinder antworten ganz unterschiedlich:
"Der Fokus sollte eher auf dem Spaß sein. Manchmal ist es halt auch so, dass man immer nur gewinnen will und dann ist man total traurig, wenn man dann verliert. Ich würde es schon gut finden, wenn ein Kind, was schon sehr gut ist auch zwei Urkunden kriegt, weil das hat ja auch gut und auch sehr viel bestimmt trainiert", erzählt Lisa.
Sindi sieht das etwas anders: "Also ich finds ein bisschen doof, dass das bewertet wird, weil Sport ist ja eigentlich meistens da, um Spaß zu haben und nicht, um bewertet zu haben. Ich find's auch gut, wenn alle Kinder die gleiche Urkunde bekommen, weil es haben sich ja alle gleich stark angestrengt."
Auch Emilia denkt, dass jedes Kind eine ganz normale Urkunde bekommen sollte, damit alles fair bleibt. Schulleitung Stefanie Kassing findet es schwierig, die Bundesjugendspiele ausschließlich auf den Spaß auszurichten:
"Also ich als Schulleiterin finde es tatsächlich schwierig es nur noch auf den Spaß zu beziehen, weil ich denke, dass ein bisschen Wettkampf auch zum Leben dazugehört."
Die Meinungen gehen also auseinander, so wie auch die Gestaltung der Bundesjugendspiele an den Grundschulen in Essen.
Was ist der Unterschied zwischen Wettbewerb und Wettkampf bei Bundesjugendspielen?
Im klassischen Wettkampf werden in verschiedenen Disziplinen die Zeiten und Strecken genau gemessen. Zum Beispiel mit einem Maßband und einer Stoppuhr. Außerdem wird zwischen Ehrenurkunden und Teilnehmerurkunden unterschieden. Welche Urkunde ein Kind bekommt, hängt davon ab, wie gut es war.
Im spielerischen Wettbewerb hingegen wird die Leistung der Kinder nicht mehr so stark miteinander verglichen. Die Zeiten und Weiten werden nicht mehr genau gemessen. Stattdessen gibt es ausgewählte Zonen, zum Beispiel beim Werfen. An diesen Zonen können die Kinder dann sehen, wie weit sie geworfen haben, oder wie weit sie gesprungen sind. Außerdem wird nicht mehr zwischen Teilnehmer- und Ehrenurkunden unterschieden.