
Tagebrüche in Essen - Warum sackt immer wieder der Boden weg?
In Essen sind Tagesbrüche Alltag. Immer wieder werden Straßen gesperrt. Früher wurde vor allem im Süden Kohle abgebaut. Danach wurden die alten Schächte einfach verschlossen. Das muss jetzt alles gesichert werden. Im Interview erklärt ein Experte die Hintergründe.
Veröffentlicht: Montag, 22.06.2026 14:35
Wo kommen in Essen die vielen Tagebrüche her?
In Essen wurde früher, ab Mitte der 1850er Jahre bis nach dem zweiten Weltkrieg, vor allem im Süden Kohle abgebaut. Das war einfach, weil die Kohle dicht unter der Oberfläche lag. Die Bergleute haben Schächte angelegt und sind dann relativ schnell auf Kohle gestoßen und konnten diese abbauen. Wenn nichts mehr zu holen war, wurden die alten Schächte einfach nur mit Brettern oder einem Tor verschlossen. Später als es richtige Schachtanlagen gab, wurden die Gebäude abgerissen und zumindest der Bauschutt in die Schächte geschüttet. Aber all das reicht nicht aus, um zu verhindern, dass nicht immer wieder die Erde absackt und Löcher entstehen. Dann sind die Experten von der Bergbaubehörde gefragt. Sie suchen selbst immer wieder nach alten Bergbauschächten und füllen dort Beton rein, damit der Boden sicher ist. Aber die Suche ist nicht ganz so einfach, erklärt Jan Senger von der Bergbaubehörde der Bezirksregierung Arnsberg im Interview Radio Essen-Stadtreporterin Anna Bartl.
Wie finden die Experten in Essen die alten Bergbauschächte?
Schon früher wurden die alten Bergbauschächte und Abbaugebiete in Essen dokumentiert. Das steht alles in alten großen Büchern, teilweise in alter Schrift, die heute kaum noch lesbar ist. Die Standorte der alten Schächte werden häufig in Verbindung mit alten Kirchen oder der "Kaisereiche" angegeben. Das Problem ist allerdings, dass nicht genau beschrieben ist, um welche Kirche es sich dann zum Beispiel handelt. Es gibt auch Probleme, wenn ein alter Baum heute nicht mehr dort steht. Die Experten können dann den Bereich für die Suche nach den Schächten auf einige Meter genau eingrenzen, müssen dann aber bohren und die alten Schächte zu suchen. Wenn sie Glück haben, treffen sie direkt auf den alten Schacht. Wenn nicht, müssen sie weiter suchen. Das kann unterschiedlich lange dauern. Deshalb können solche Baustellen immer wieder deutlich länger dauern als zunächst geplant. Wenn die Schächte gefunden wurden, werden sie mit einem Betongemisch verfüllt. Der Beton wird so lange in die Löcher gepumpt bis sicher ist, dass es keine Löcher mehr gibt.
Wie lange wird es in Essen noch Tagebrüche geben?
In Essen und im ganzen Ruhrgebiet wird es noch über Jahrzehnte Tagebrüche geben. Jan Senger von der Bergbaubehörde sagt, sie schätzen, dass es noch 32.000 alte Schächte im Ruhrgebiet und ganz NRW gibt, die gesichert werden müssen. Auch seine Enkel werden sich mit dem Problem noch beschäftigen müssen. Die Bergbaubehörde hat nur bestimmte Kapazitäten. Durch die Suche in den alten Unterlagen, wird eine Risikoliste erstellt, wo zuerst nach ehemaligen Bergbauschächten gesucht werden muss. Diese Liste wird nach und nach abgearbeitet. Bei der Suche nach ehemaligen Schächten wurde zum Beispiel in Freisenbruch vor zwei Jahren ein Haus evakuiert. Dabei hat die Absicherung eines alten Schachtes unter einer Schule oder einem Wohnhaus eine viel größere Priorität als wenn der alte Schacht in einem Waldgebiet vermutet wird, erklärt Jan Senger im Interview mit Radio Essen-Stadtreporterin Anna Bartl weiter.
Warum musste in Essen die Hauptverkehrsstraße in Bredeney gesperrt werden?
In Essen ist seit Mitte Juni 2026 die Zeunerstraße gesperrt. Die Hauptverkehrsstraße in Bredeney wird saniert. Die Arbeiten haben im März begonnen. Klar war immer, dass dort früher Kohle abgebaut wurde. Die Stadt hatte deshalb schon im letzten Jahr Probebohrungen an der Zeunerstraße durchführen lassen. Gebohrt wurde nur in einem kleinen Bereich und nicht dort, wo jetzt gebaut wird. Diese Erkundungsbohrungen haben ergeben, dass das Erdreich über dem bereits tiefer gelegenen alten Schachtbereich zehn Meter eingebrochen ist. Dieser eingebrochene Bereich ist so groß, dass er über die gesamte Fahrbahnbreite reicht. Die Stadt hat die Baufirma schon bei der Ausschreibung der Arbeiten mit dem Verfüllen der Schächte beauftragt. Aktuell werden die Hohlräume bereits verfüllt. Es sind sechs Pumpcontainer im Einsatz.
Was sollten in Essen Grundstückseigentümer machen, um rauszufinden, was unter ihren Füßen los ist?
Wer in Essen im Süden ein Grundstück hat, sollte sich am besten informieren, was früher dort passiert ist. Sonst kann es passieren, dass im Garten plötzlich ein Loch ist wie hier in Heidhausen. Dafür stellt die Bergbaubehörde zahlreiche Informationen und Karten zur Verfügung. Zum einen gibt es eine Internetseite, auf der die Gefährdungspotenziale des Untergrunds in NRW verzeichnet sind. Hier gibt es einen groben Überblick. Wer genauere Informationen braucht, bekommt sie nach einem formlosen Antrag bei der Bergbaubehörde. Das kostet eine Gebühr von 30 Euro. Außerdem gibt es bei der Bergbaubehörde eine große Sammlung an alten Daten und Karten. Diese Unterlagen werden dort aufbewahrt und ausgewertet. Die Bezirksregierung Arnsberg besitzt eine der ältesten Karten zum Bergbau aus dem Jahr 1737. Diese Grubenbilder, wie sie genannt werden, geben Auskunft über die Lage der ehemaligen Bergbauschächte. Seit dem Jahr 1865 gibt es das Allgemeine Berggesetz für die Preußischen Staaten und damit ein einheitliches Regelwerk für den Bergbau.
Wie werden die Daten aus Essen heute gespeichert?
Die Daten aus Essen und dem Ruhrgebiet sowie ganz NRW werden heute in einer Datenbank bei der Bezirksregierung Arnsberg gespeichert. Dort steht dann, wo und wie die ehemaligen Bergbauschächte gefunden und wie sie verfüllt wurden. Die Experten von der Bergbaubehörde warten auf ein neues Gesetz. Damit würden sie auch die Daten von Kommunen und anderen Eigentümern bekommen, wenn diese ehemalige Bergbauschächte finden und verfüllen. So kann doppelte Arbeit, Mehrkosten und viel Stress für Anwohnerinnen und Anwohner vermieden werden.



