
Missbrauch-Betroffene erzählen in Essen ihre Geschichte
Raum für Austausch, Informationen und Hilfe. Das ist das Ziel des neuen Essener Vereins "von Schatten zu Licht". Er gibt Missbrauch-Betroffenen eine Plattform und das wollen wir von Radio Essen hier auch tun. Achtung: In diesem Artikel geht es um Missbrauch, Gewalt und Suizid.
Veröffentlicht: Samstag, 07.03.2026 07:18
Neuer Verein sieht Bedarf in Essen
Im vergangenen Jahr war es nur ein Projekt. Jetzt soll daraus ein gemeinnütziger Verein werden. Der Bedarf ist groß. Das sagen die acht Gründungsmitglieder des Vereins "von Schatten zu Licht". Sie sind der Ansicht: Missbrauch geht uns alle an. Ziel ist es, für die Betroffenen da zu sein. Aktuell gibt es bereits zwei Selbsthilfegruppen zu diesem Thema in Kooperation mit dem Verein Wiese aus Essen. Die offizielle Gründung des Vereins ist am Freitag (13. März) um 18:30 Uhr in dem Atelier des Fotografen Paul Walther in der Kokerei Zollverein. Dazu sind jeder und jede eingeladen. Die acht Gründungsmitglieder werden ihre ganz persönlichen Geschichten in jeweils vier Minuten auf die Bühne bringen. Uns haben sie von ihrem Missbrauch schon vorher erzählt. Das macht jeder und jede von ihnen in seiner oder ihrer ganz eigenen Weise. Einige sprechen nicht nur darüber. Sie singen sogar. Aber Vorsicht: die Geschichten gehen sehr unter die Haut.
Missbrauch-Betroffene kommen bei Radio Essen zu Wort
Beate ist heute 66 Jahre alt. Bei Radio Essen spricht sie über den Missbrauch, der in ihrem Elternhaus begann. Mit 16 Jahren denkt sie das erste Mal an Selbstmord. Der Grund: niemand glaubt ihr. Auch ein Jahr später nicht das Jugendamt. Sie will raus aus der Familie. Aber auch hier glaubt ihr niemand. Ihre Mutter log einfach zu perfekt.
Afia hat aus ihren Erlebnissen einen Song gemacht. "Vom Schatten zum Licht" heißt es im Refrain. Sie sagt: Es war nicht nur die eine Sache. Für die junge Frau ist es wichtig, dass keiner mehr wegschaut. Den Song hat sie zusammen mit Carsten produziert. Auch er ist ein Missbrauch-Betroffener.
Mit 14 Jahren ist Ela blutend aus der Wohnung gekrochen. Sie war vergewaltigt worden. Doch viel schlimmer war der emotionale Missbrauch. Der Verrat der Menschen, die sie geliebt und denen sie vertraut hat. Noch heute hat sie Probleme mit der eigenen Wahrnehmung als Frau. Ela ist eine der treibenden Kräfte hinter dem neuen Verein. Sie will mit allen anderen zusammen ein Funke des Lichts sein.
Es geht zurück in die 50er und 60er Jahre. In dieser Zeit wurde von Anette Dankbarkeit erwartet. Gab es die nicht, gab es Prügel. Von ihrem Stiefvater wurde sie immer wieder auf ihren Kopf geschlagen. Auf Anweisung ihrer Mutter. Ihre Intelligenz sollte rausgeprügelt werden. Danach fiel der Sportunterricht mal wieder aus. Sie glaubte lange Zeit nicht zu genügen.
Der Onkel rief: Komm malen. In seinem Raum gab es aber keine Bilder und während bei der Oma in der Küche Roy Black lief, legte er sich auf Melanie. Später war es der Stiefvater, der mit ihr in die Dusche stieg. Sie schwieg, genauso wie ihre Mutter. Melanie lernte sich von ihrem Körper zu trennen. Erst 40 Jahre später änderte sich das in einer Traumaklinik. Heute sieht sie sich als Schöpferin ihres Lebens.
Mit Hand, einem Gürtel und einem Stock wurde Heiko von seinem Vater geschlagen. Zum Teil Nächte lang. Aber auch Worte können schmerzen. Auch beim Spielen auf der Straße musste er als Kind viel einstecken. Seinen Frust hat er in sich im wahrsten Sinne des Wortes hineingefressen. Mit 50 Jahren wog er 137 Kilogramm, hatte Diabetes und bekam einen Schlaganfall. Erst nach drei Jahren Traumatherapie kann er darüber sprechen.
Die Geschichte von Elisabeth begann schon bei ihrer Geburt. Die Schwester ihrer Mutter prophezeite Probleme mit diesem Kind. Es sei schließlich das dritte Kind. Mit sechs Jahren kam es zu einem ersten sexuellen Übergriff. Sie suchte Schutz bei ihrer Mutter. Die Antwort: Sei still. Heute weiß sie: Sie war nie das Problem. Sie war nur ein Kind, das Schutz gesucht hat.
Hilfe bundesweit und in Essen
Es gibt bundesweit mehrere Hilfsangebote für Missbrauch-Betroffene. Bei sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hilft zum Beispiel das Hilfe-Portal Missbrauch. In Essen gibt es Unterstützung durch die Frauenberatung, das Jugendpsychologische Institut der Stadt Essen, den Selbsthilfeverein Wiese oder die Frauenberatung der Distel. Den Kontakt und weitere Infos zu dem neuen Verein "von Schatten zu Licht" gibt es hier. Bei Selbstmordgedanken hilft täglich 24 Stunden kostenlos die Telefonseelsorge Deutschland.