
Gewaltvorwürfe in Essen gegen TUSEM-Jugend - Hintergründe der großen WAZ-Recherche
Diese Woche sind schwere Vorwürfe gegen die Handball-Jugend des TUSEM Essen aufgekommen. Eltern schilderten der WAZ-Redaktion erhebliche Vorfälle. Der TUSEM widerspricht den Vorwürfen. Radio Essen hat mit dem Kollegen der Zeitung gesprochen. Wie eine solch heikle und umfangreiche Recherche bis zum Artikel abläuft, lest Ihr hier.
Veröffentlicht: Freitag, 05.06.2026 15:52
Was wird dem TUSEM in Essen vorgeworfen?
"Ein Junge pinkelt seinen Teamkollegen in der Umkleide von hinten an. Andere Kinder finden ihre Schuhe in Urin getränkt vor. In der Kabine prügeln sich Mitspieler, unter der Dusche fallen sexistische und rassistische Kommentare. All das soll bei der Handball-Jugend des Traditionsvereins Tusem Essen passiert sein."
Mit diesen Bildern steigt die WAZ Essen in einen sehr umfangreichen Artikel ein. Es sind die Schilderungen von Eltern, deren Kinder in der Handball-Jugend des TUSEM in Essen spielen oder gespielt haben. Schwere Vorwürfe gegen einen Taditionsverein, dessen Herren-Handball-Mannschaft deutschlandweit bekannt ist. Meistertitel, Pokalsieger, aktuell sind sie knapp in der 2. Liga geblieben. Gerade für eine exzellente Jugendarbeit ist der Verein außerdem bekannt und auch ausgezeichnet - mehrfach, auch dieses Jahr 2026 erst wieder. Klar, dass diese Geschichten und Vorwürfe schockieren.
Die WAZ Essen hat deshalb über Wochen recherchiert und mit vielen Betroffenen gesprochen, erzählt Martin Spletter im Interview bei Radio Essen. Denn hier müssen Fakten und Aussagen genau überprüft und wasserdicht berichtet werden.
Wie lief die Recherche in Essen zu den TUSEM-Vorwürfen ab?
An dem Thema haben vor allem die WAZ-Redakteure Martin Spletter und Linda Heinrichkeit (Leiterin WAZ-Lokalredaktion Essen) gearbeitet. Angefangen hat alles Mitte April, als sich eine Mutter direkt bei Martin Spletter gemeldet hat, mit den Worten, dass es ihr nicht leicht falle, das zu erzählen, sie etwas Schweres auf dem Herzen habe und es um den großen TUSEM-Verein gehe. Schnell war klar: Das ist keine Kleinigkeit und nicht mal eben so schnell weggeschrieben, wie ein tagesaktueller Artikel. Daraufhin gab es viele intensive Gespräche, es wurden Unterlagen angeschaut, weitere Betroffene befragt und die WAZ hat auch mit Trainern anderer Vereine gesprochen sowie anderen Sportverbänden, die die Szene gut kennen. Auch die Anwältin der Mutter, die Anzeige erstattet hat, wurde mit einbezogen. Es gab WhatsApp-Chats der Eltern, die deutlich machen, dass die Vorfälle dem TUSEM bekannt sind. Außerdem haben außerordentliche Elternabende zu den Fällen stattgefunden. Das alles floss in den Artikel mit ein, den es jetzt zu lesen gibt.
Redakteur Martin Spletter macht im Interview mit Radio Essen deutlich, dass es der Mutter, die sich zuerst gemeldet hat, nicht nur um ihren Sohn ging. Sondern auch darum, dass es sich hier um einen renommierten Sportverein handele, der aber offenbar nicht gründlich genug Gewaltvorfällen nachgehe. Das bestätigt wohl auch die Recherche der WAZ, sagt Spletter. Der Verein würde nicht genügend Sanktionen durchführen, damit "dauerhafte Ruhe" bei den Jugendlichen zustande kommt, sagt er. Das zeige sich durch die doch eher verhaltene Reaktion des TUSEM auf diese Recherche sowie durch viele Reaktionen, die online auf den Artikel kommen. Dort erheben sich einige ähnlich kritische Stimmen, die die Vorwürfe eher untermauern. So gibt es aber wohl auch einige zustimmende Schreiben an die WAZ von Leserinnen und Lesern. Insgesamt hat es ca. zwei Monate gedauert, bis diese Recherche an die Öffentlichkeit ging.
Wie fühlt man sich an so einer Recherche zu arbeiten?
Martin Spletter sagt bei Radio Essen, dass es natürlich kein angenehmes Thema ist. Durch seine langjährige Arbeit mit Themen aus der Jugendarbeit und dem Bildungssektor ist er an einiges gewöhnt, aber er ist auch selbst Vater zweier Kinder und kann daher sehr gut nachfühlen, was solch ein Thema mit einem macht. Trotzdem hilft eine neutrale Herangehensweise. Denn letztlich ist ein so umfangreiches und heikles Thema intensive Arbeit, die besser im Team zu bewältigen ist. Und dieses Team bestand nicht nur aus den WAZ-Redakteuren, sondern auch der Chefredaktion, Grafikern und vor allem dem Blick aus dem juristischen Team.
Mehr Einblicke in diese aufwendige Recherche hört Ihr hier im Interview mit Radio Essen.
Was sagt der TUSEM Essen zu den Gewaltvorwürfen?
Der Verein hat per Anwaltsschreiben auf die Anfragen der WAZ reagiert, ging dabei auf einzelne Vorwürfe nicht ein. Es heißt aber, der Verein "nehme den Jugendschutz und den Schutz der ihm anvertrauten Kinder und Jugendlichen sehr ernst". In Schilderungen der Eltern, die mit der WAZ gesprochen haben, ist auch von vielen Gesprächen mit dem Verein sowie von kurzen Trainingssperren für betroffene Kinder die Rede.
Auch ein 70-seitiges Schutzkonzept hat der TUSEM mittlerweile zusammengestellt. Die dort enthaltenen Verhaltensregeln haben die Spieler des Vereins selbst aufgestellt. Darin heißt es zum Beispiel:
Man begrüßt die anderen, wenn man den Raum betritt, ein einfaches „Hallo“ genügt. Man sorgt grundsätzlich für eine angenehme Atmosphäre. Man zettelt keine Kloppereien an, auch nicht „aus Spaß“. Man nimmt anderen nicht das Duschgel weg.
Werden diese Regeln missachtet, dann stehen in dem Konzept auch entsprechende Strafen, die von der Abmahnung bis zum Vereinsausschluss reichen.

