
Ambulanter Hospizdienst in Essen: "Wäre die Welt voll solcher Menschen, würden wir keine Kriege führen"
Rund 70 Ehrenamtliche vom Ambulanten Hospizdienst Cosmas und Damian in Essen helfen Menschen durch die letzten Monate ihres Lebens. Ein Gespräch mit einem Ehrenamtlichen und einem Sterbenden.
Veröffentlicht: Freitag, 06.03.2026 16:26
Interview in Essen auf der Palliativstation
Hi, ich bin Madlen, Redakteurin für das Kirchenmagazin Himmel & Essen bei Radio Essen und ich nehme Euch jetzt mit zu einem Besuch auf der Palliativstation des Uniklinikums in Holsterhausen.
Ich bin überrascht, wie leer es auf den Gängen ist. Nirgendswo muss ich mich anmelden, ich laufe einfach über die Station. Ruhig ist es und hell. Irgendwann kommt mir doch ein Pfleger entgegen und ich frage ihn, wo der Besucherraum ist. Ich gehe rein, setze mich auf einen der schwarzen Ledersessel und warte.
Als die zwei Männer reinkommen, mit denen ich hier verabredet bin, wird es kurz laut. Wir geben uns die Hand, stellen uns vor, eine scherzhafte Bemerkung fällt. Der Mann im rosa Kittel ist dünn und blass, hat aber ein Lächeln auf den Lippen. Habe ich mir einen Mann mit Krebs im Endstadium so vorgestellt? Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß: Selten hatte ich so viel Respekt vor einem Interview.
Schwerkranker Mann aus Essen: "Et is wie et is"
Andreas Cramer kommt aus Bergeborbeck, ist 59 Jahre alt und hat seit zweieinhalb Jahren die Diagnose Prostatakrebs. Seit einigen Wochen ist er auf der Palliativstation. Sein Arzt hat ihm gesagt, dass ihnen die Optionen ausgehen. "Et is wie et is", meint Andreas Cramer dazu. "Ich lass mir jetzt hier das Leben noch gefallen, so lange es läuft." Wie lange es noch läuft? Ein Monat bis ein Jahr. Während er das sagt, weicht der Optimismus aus seinem Gesicht, er kämpft mit den Tränen. Auseinandersetzen will er sich damit nicht. Lieber redet er darüber, wie gut ihn das Personal auf der Station behandelt. Und mit dem Guido geht es ihm sowieso nochmal doppelt so gut.
Duo in Essen hat sich gesucht und gefunden
Guido Wladarz ist selbständiger Versicherungsberater und seit fünf Jahren ehrenamtlich Teil des Teams des Ambulanten Hospizdienstes Cosmas und Damian in Essen. Der Tod seines bestens Freundes hat ihn zu diesem Ehrenamt gebracht. Genauer gesagt, die Überforderung, die er damals gespürt hat, und der Wunsch nach mehr Wissen. Das hat er mittlerweile. Und so begleitet er jetzt Menschen, die schwer krank sind und bald sterben werden.
Seit circa einem halben Jahr begleitet er Andreas. Die beiden sind ein "Top Match" wie sie selbst sagen. Von den Koordinatorinnen des Hospizdienstes wurden sie einander vorgeschlagen, dann haben sie sich bei einem Kennenlerngespräch beschnuppert und gesagt: Das passt!
Hospizbegleitung in Essen gibt viel und nimmt Last
Seitdem sehen sie sich mindestens einmal die Woche für bis zu drei Stunden. Einkaufen, Wasserkisten hochschleppen, Bürokratie und Post-Dinge erledigen. Das waren Aufgaben, die die beiden zusammen erledigt oder Guido für Andreas gemacht hat, als er noch in seiner Wohnung in Bergeborbeck gelebt hat. Jetzt, im Krankenhaus, quatschen sie vor allem.
"Ich brauche jemanden der zuhört, ich brauche jemanden, der mit mir spricht, und ich brauche auch jemanden, der die gleiche Wellenlänge hat wie ich", sagt Andreas Cramer.
Genau deswegen ist Guido der perfekte Begleiter für ihn. Er gibt ihm viel und nimmt viel - nämlich Last.
"Ohne den Guido wäre ich aufgeschmissen."
Träume über ein Bier an der Theke und einen Stadionbesuch
Für Andreas Leben in Krankheit ist Guido eine absolute Bereicherung, sagt er. Aber Andreas ist sich sicher:
"Ich glaube wie wären auch gute Freunde. Wenn wir uns an der Theke begegnen würden, wie würden ein nettes Bier zusammen trinken, davon bin ich überzeugt."
Guido lacht und nickt: "Das würde funktionieren, ja!" Und das obwohl sie bei einer Sache überhaupt nicht einer Meinung sind: Dem richtigen Fußballverein. Andreas ist BVB-Fan, Guido liebt Bayern München. Trotzdem ist ihr großes Ziel, irgendwann zusammen ein Fußballspiel im Dortmunder Stadion zu gucken.
Ehrenamt in Essen vereinbart Ernsthaftigkeit und Spaß
Auch für Guido ist die Zeit mit Andreas - und generell diese Ehrenamt - eine Bereicherung, sogar ein Segen, sagt er.
"Es gibt einem so viel. Man lernt so viele unterschiedliche Menschen kennen, unterschiedliche Lebenssituationen. Der Umgang mit den Menschen und mit den Kollegen - wir tauschen uns aus, wir treffen uns. [...] Also bei aller Ernsthaftigkeit um das Ehrenamt. Wir haben trotzdem viel Spaß untereinander."
Dabei ist es natürlich nicht immer spaßig einen schwerkranken Menschen zu begleiten. Der Umgang mit Pflegestellen und Krankenkassen kann nervig sein. Der Umgang mit überforderten Angehörigen kann schwierig sein. Und dann muss das Ehrenamt noch vereinbar sein mit dem Job. Da Guido selbstständig ist, kann er sich die Zeit relativ frei einteilen. Andreas hat trotzdem sehr viel Respekt für ihn und alle Menschen, die sich - neben ihrem stressigen Job - zu diesem Ehrenamt entschließen:
"Da kommen mir fast die Tränen, weil das einfach so unbeschreiblich gut ist. Und wäre die Welt voll solcher Menschen, dann würden wir keine Kriege führen."
Tod und Tränen gehören dazu
Das Schwierigste an der Begleitung des Hospizdienstes ist, wenn sie endet. Der Tod ist immer ein Einschnitt, sagt Guido. Gerade wenn man den Menschen über Monate hinweg begleitet hat. Nicht immer ist er in dem Moment des Sterbens dabei. Aber er verabschiedet sich im Nachhinein immer persönlich von dem Menschen.
"Man ist dann traurig. Aber es ist nicht so, dass man am nächsten Tag sofort wieder in die nächste Begleitung geht. Sondern ich nehme mir dann schon so zwei, drei Monate Pause. Um einfach die Situation für mich zu verarbeiten."
Tränen gehören dazu und manchmal holt es einen im Alltag ein, sagt Guido. Aber von Seiten des Hospizdienstes passe man da sehr gut auf die Ehrenamtler auf.
Der letzte Wunsch an die Menschheit: Mehr aufeinander zugehen
Aufeinander aufpassen - das ist das richtige Stichwort. Füreinander da sein. Zuhören. Das scheint mir dieses Ehrenamt auszumachen. Es ist Menschlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Für Guido Wladarz ist es auch das größte Learning:
"Den Menschen so zu lassen, wie er ist. Und nicht versuchen, vielleicht an dem Menschen rumzuschrauben, nur weil man eine andere Herkunft hat oder eine andere Erziehung genossen hat. Einfach Zeit zu schenken."
Andreas Cramer hofft, dass er das in seinen letzten Tagen, Wochen oder Monaten auf der Palliativstation ein Stück weit zurückgeben kann. Indem er Menschen anlächelt und sich nett mit ihnen unterhält. Für die ganze Menschheit wünscht er sich genau das, auch wenn er bald nicht mehr ein Teil davon ist.
"Mehr aufeinander zuzugehen. Sich anzugucken und nicht sich grimmig anzugucken. Freundlich miteinander umzugehen. [...] Hassen kostet mehr Kraft als Lieben."
Selten hatte ich so viel Respekt vor einem Interview. Und selten habe ich ein Interview mit so viel Ruhe in mir verlassen.
Anmerkung der Redaktion: Andreas Cramer ist zweieinhalb Wochen nach Aufzeichnung des Interviews verstorben.
Der ambulante Hospizdienst Cosmas & Damian ist regelmäßig auf der Suche nach neuen Ehrenamtlichen. Wer Interesse an dem Ehrenamt hat, muss vorher einen Kurs machen. Der nächste Kurs startet am 25. und 26. April. in Gerschede. Interessierte können sich vorab für ein Kennenlerntermin beim Ambulanten Hospizdienst melden, unter Tel. 0201 319375-760 oder per E-Mail an ahd-cosmas&damian@cse.ruhr. Alle Infos zu dem Ehrenamt bekommt Ihr hier.