Kremlkritiker meldet sich vom Krankenbett

Russischer Oppositionelle Nawalny in Berlin
© Christoph Soeder (dpa)

«Kann noch nicht viel machen»

Berlin/Moskau (dpa) - Der Kremlkritiker Alexej Nawalny hat sich knapp vier Wochen nach seiner Vergiftung zum ersten Mal vom Krankenbett in Berlin aus zu Wort gemeldet.

«Hallo, das ist Nawalny. Ich habe euch vermisst», hieß es in einer Mitteilung auf Instagram, die in seinem Namen veröffentlicht wurde. «Ich kann noch immer fast nichts machen, aber ich habe gestern den ganzen Tag selbstständig geatmet.»

Auf einem Foto war zu sehen, wie der 44-Jährige sichtlich geschwächt auf seinem Bett sitzt und von seiner Frau Julia umarmt wird. Auch seine Tochter Daria und sein Sohn Sachar waren bei ihm. Der Oppositionelle gilt als einer der schärfsten Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Nawalny war am 20. August bei einem Inlandsflug in Russland bewusstlos geworden, seit dem 22. August wird er in der Berliner Universitätsklinik Charité behandelt.

Er wurde nach Angaben von Speziallaboren mit einem Nervenkampfstoff der Nowitschok-Gruppe vergiftet. Nawalny war wochenlang in einem künstlichen Koma. Mittlerweile geht es dem Kremlkritiker schon etwas besser. Russland behauptet, in dem Fall nicht verwickelt zu sein, und fordert Beweise für eine Vergiftung.

Zu Wochenbeginn teilte die Charité mit, dass Nawalny sein Krankenbett bereits zeitweise verlassen könne. Seine Botschaft auf Instagram löste Jubel bei seinen Mitstreitern aus. Das Foto erhielt innerhalb weniger Minuten Hunderttausende Likes.

In seiner Nachricht zeigte Nawalny, der für seine Recherchen zu Korruption in Russland bekannt ist, Humor: «Ich habe keine Hilfe von außen gebraucht, auch kein Ventil im Hals. Das hat mir sehr gefallen.» Das Atmen sei ein «erstaunlicher, von vielen unterschätzter Prozess», meinte er. «Ich empfehle es.»

Nach Angaben seiner Sprecherin will Nawalny nach einer Genesung auch wieder in seine Heimat zurückkehren. «Es wurden noch nie andere Möglichkeiten in Betracht gezogen», betonte Kira Jarmysch am Dienstag auf Twitter. Es sei seltsam, wenn jemand etwas anderes annehmen würde. Zuvor hatte die «New York Times» berichtet, dass Nawalny seine Rückkehrpläne den deutschen Behörden mitgeteilt habe.

Ein FDP-Politiker hatte Anfang des Monats dafür plädiert, dem russischen Oppositionellen Asyl in Deutschland zu gewähren. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte Asyl für Nawalny ins Gespräch gebracht.

Der Kreml betonte, dass Nawalny als russischer Staatsbürger jederzeit in das Land zurückkehren könne. «Jedem Bürger Russlands steht es frei, aus Russland aus- und auch wieder einzureisen», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Agentur Tass zufolge. «Wenn sich ein Bürger Russlands erholt und sich seine Gesundheit verbessert, dann freuen wir uns natürlich alle darüber.»

Der Fall hatte auch massive Spannungen zwischen Russland und Deutschland ausgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach von einem «versuchten Giftmord» und verlangte Aufklärung von Moskau. Auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell forderte Russland erneut auf, bei der Untersuchung des Falls vollständig mit der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen OPCW zu kooperieren.

Es gebe nun unwiderlegbare Beweise, dass ein Nervengift der Nowitschok-Gruppe genutzt worden sei, um Nawalny zu töten, sagte Borrell im Europäischen Parlament. Die Abgeordneten betonten, dass Nawalny nur einer von vielen Kremlkritikern sei, auf die Anschläge verübt worden seien. Striktere Sanktionen seien notwendig.

Moskau wirft Berlin hingegen «unkonstruktives» Verhalten vor. «Russland war und bleibt absolut offen für eine Zusammenarbeit, um herauszufinden, was passiert ist», sagte Kremlsprecher Peskow. «Aus irgendeinem Grund haben wir aber von der deutschen Seite keine Antworten dahingehend bekommen.» Französische und schwedische Spezialisten bekämen Zugang, nur den russischen Experten werde dies verwehrt. Es sei aber noch zu früh, um deswegen Schlüsse über die Beziehungen zu einigen europäischen Staaten zu ziehen, sagte Peskow.

Außenminister Sergej Lawrow forderte seinem Ministerium zufolge einmal mehr, Deutschland solle seine Erkenntnisse in dem Fall mit Russland teilen. Das sei wichtig, um die Wahrheit herauszufinden.

Russland reichte bei den deutschen Behörden mittlerweile zwei Rechtshilfegesuche ein. Für das erste gab es bereits grünes Licht von der Senatsverwaltung für Justiz in Berlin. Ein zweites sei nun beim Bundesamt für Justiz in Bonn eingegangen, berichtete der «Spiegel». Die russische Polizei will damit erreichen, dass sie an den Ermittlungen in Deutschland beteiligt werde, hieß es früheren Angaben zufolge. Nawalnys Team kritisierte das bereits. Die Polizei in Sibirien hatte bislang lediglich «Vorermittlungen» eingeleitet.

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