
"Jeder Übergriff ist ein Übergriff zu viel": Sicherheitstraining in Essen für Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter
Das ist Alltag in Essen: Beleidigen, Spucken, Treten, Schlagen - Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter sind immer wieder verschiedenen gefährlichen Situationen ausgesetzt. Ein Sicherheitstraining soll sie besser darauf vorbereiten.
Veröffentlicht: Dienstag, 10.03.2026 17:53
Warum gibt es in Essen ein Sicherheitstraining?
Im Februar wurde ein 36-jähriger Bahnmitarbeiter bei einer Ticketkontrolle in einem Regionalexpress in Rheinland-Pfalz von einem Fahrgast erschlagen. Die Deutsche Bahn reagierte mit einem Sicherheitsgipfel. Dort wurde unter anderem beschlossen, dass Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter noch intensiver in Verhaltens- und Deeskalationstrainings geschult werden sollen. Wenn Deeskalation nicht mehr hilft, dann müssen Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter lernen, wie sich sich selbst verteidigen können. So ein Sicherheitstraining fand am Dienstag (9. März) hier in Essen statt, organisiert von der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). In einem Zug in Frohnhausen wurden verschiedene, potenziell gefährliche Situationen simuliert.
Auch in Essen gibt es Angriffe auf Bahnmitarbeiterinnen und Bahnmitarbeiter. Einige Beispiele findet Ihr hier:
- Streit im Zug nach Essen eskaliert
- Polizei in Essen: Mann zieht Waffe bei Ticketkontrolle
- Bahnmitarbeiter in Essen angegriffen: Männer nach gefährlicher Körperverletzung gesucht
2025 gab es 3.262 körperliche Übergriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Bahn. Das sind knapp 40 Prozent mehr als noch vor 10 Jahren (2016: 2.374 Übergriffe).
Was lernen die Teilnehmer in Essen bei dem Sicherheitstraining?
Trainer Jörg Aschemann bäumt sich vor einer Teilnehmerin im Zug in Essen auf. Er spielt einen provozierten Fahrgast. Die Zugbegleiterin hatte ihn nach dem Ticket gefragt, er hatte aber keins. Sie streckt ihre Hände aus, soll Abstand schaffen, stellt sich stabil hin. Als Jörg einen Schritt auf die Teilnehmerin zugeht, schnellen ihre Hände nach vorne. Sie schlägt ihm vor die Brust und schubst ihn zurück. Genau richtig, sagt Jörg.
Beim Sicherheitstraining in einem Zug in Frohnhausen haben die Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter gelernt, was das wichtigste ist, wenn sie im Zug angegriffen werden: Ruhe bewahren und Abstand schaffen. Wenn sie den Angreifer wegschubsen, verschaffen sie sich Zeit, um Hilfe zu holen. Dabei müssen sie aber beachten - sie dürfen erst schubsen, wenn der Fahrgast wirklich angreift.
Jörg und sein Team haben den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aber noch andere Selbstverteidigungstechniken gezeigt. Zum Beispiel, wie sie sich aus einem Würgegriff befreien oder wie sie sich bei einem Angriff von hinten wehren können. Am Ende sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Gefahrensituationen besser einschätzen und selbstbewusster damit umgehen können.
Was haben in Essen Zugführerinnen und Zugführer schon erlebt?
Viele der simulierten Situationen waren für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nichts neues. Im Radio Essen-Interview haben sie einige ihrer Geschichten erzählt. Zugchefin Ina wurde zum Beispiel mit Getränkedosen beworfen und von einem Fahrgast mit einer zerschlagenen Glasflasche bedroht. Sie musste außerdem schon beobachten, wie einer ihrer Kollegen von Fahrgästen zusammengeschlagen wurde. Auch Zugbegleiterin Ivonne erzählt im Radio Essen-Interview von zahlreichen Beleidigungen und körperlichen Angriffen. Einer davon ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben. Ein Fahrgast hat sie verletzt.
"Er hatte kein Ticket, also habe ich ihn nach draußen gebeten. An der Tür fing er dann an sich zu entschuldigen, in der Hoffnung, dass er doch weiterfahren kann. Doch ich hab gesagt, jetzt ist die Fahrt für dich beendet. Im Moment wo er rausgegangen ist, hat er sich umgedreht und schlug mit einer Schlüsselkette nach mir. Da waren eine Menge Schlüssel dran und die haben mir den Arm einmal von oben bis unten aufgekratzt."
Trotz dieser Erlebnisse liebt Ivonne ihren Job. Sie will sich nicht unterkriegen lassen, sagt sie. Teilnehmerin und Zugchefin Mandy Brune fasst das Problem zusammen:
"Jeder Übergriff ist ein Übergriff zu viel. Dieses Gefühl wehrlos zu sein, machtlos zu sein und alleine zu sein - das ist es, was ich auf jeden Fall verhindern möchte."
Was kann ich in Essen tun, um Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter zu helfen?
Wenn Ihr einen Übergriff auf einen Zugbegleiter oder eine Zugbegleiterin in Essen beobachtet, ist das wichtigste, nicht wegsehen. Trainer Jörg Aschemann sagt im Radio Essen-Interview aber auch, dass sich niemand selbst in Gefahr bringen sollte.
"Zivilcourage hängt auch immer von den eigenen Fähigkeiten ab. Aber was jeder machen kann, ist Hilfe rufen. Aber auch das am besten unauffällig." erklärt er.
Teilnehmerin und Zugchefin Mandy Brune wünscht sich allgemein mehr Achtsamkeit im Zug.
"Fahrgäste, Personal, Arbeitgeber, dass wir alle ein bisschen mehr die Augen aufmachen und mitdenken und uns überlegen, wie würde ich mich fühlen? Was kann ich tun, damit es sicher wird? Denn auch die modernste, beste Notruftechnik bringt nichts, wenn niemand da ist, der auf den Notruf reagiert." sagt sie.
Was macht die Bahn, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Essen zu schützen?
Neben mehr Sicherheitstrainings einigten sich Bahn, Politiker und Gewerkschaften beim Sicherheitsgipfel in Berlin am 13. Februar außerdem darauf, dass Bahnmitarbeiterinnen und Bahnmitarbeiter freiwillig Bodycams tragen dürfen. Die kleinen Kameras werden von der Deutschen Bahn gestellt. Außerdem bekommen die Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter Notruf-Knöpfe an die Hand. In Notfällen kann damit schnell der Zugführer und die Leitstelle informiert werden. Auch die persönliche Schutzausrüstung der DB-Angestellten soll verbessert werden.
Darüber hinaus will die Bahn 200 zusätzliche Sicherheitskräfte an Bahnhöfen einsetzen und Videoüberwachung in den Zügen und Bahnhöfen ausbauen. Um kritische Situationen zu verhindern, sollen Kontrolleurinnen und Kontrolleure bei der Prüfung vom Deutschlandticket außerdem auf die Ausweiskontrollen verzichten. Stattdessen soll das Ticket fälschungssicherer werden. Außerdem sollen die Bahnmitarbeiterinnen und Bahnmitarbeiter auch strafrechtlich besser geschützt werden und Angriffe auf sie härter bestraft werden. Das wollen die Bundesministerien in das Verfahren zur Anpassung des Strafgesetzbuches einbringen.




