Freuden der Pflicht? ZDF zeigt «Deutschstunde»

Deutschstunde
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Berlin (dpa) - Deutschland während des Zweiten Weltkrieges. Der Polizist Jens Ole Jepsen tut seine Pflicht. Dazu gehört, seinen Jugendfreund, den Maler Max Ludwig Nansen, von seiner Arbeit abzuhalten.

Jepsen setzt seinen Sohn Siggi als Spitzel ein und bringt den damit in einen Zwiespalt. Siggi mag Nansen und beschließt, ihm zu helfen. Jahre später sitzt Siggi in einer Erziehungsanstalt und muss einen Aufsatz schreiben über die «Freuden der Pflicht». Der Jugendliche schreibt seine Erinnerungen auf.

Regisseur Christian Schwochow hat den Siegfried-Lenz-Klassiker «Deutschstunde» 2019 für das Kino neu erzählt - mit Starbesetzung. Im Fernsehen zeigt nun das ZDF den Film, und zwar am Montag um 20.15 Uhr.

Als Siggi (Tom Gronau) im Unterricht das Aufsatzthema bekommt, gibt er ein leeres Blatt ab. Aber nicht, weil ihm nichts eingefallen ist, sondern, weil er zu viel zu schreiben hätte. Es muss zur Strafe in die Zelle, wo er anfängt zu schreiben. Er schreibt und schreibt und verlängert die Zeit in der Zelle freiwillig, um seine Geschichte zu Papier bringen zu können.

Er erinnert sich an seine freudlose Kindheit in einem Dorf in Schleswig-Holstein: dem Drill des Vaters (Ulrich Noethen) ausgeliefert, der Bruder im Krieg, die Schwester hin- und hergerissen zwischen Aufmüpfigkeit und Fügung und die Mutter schicksalsergeben und schlichtweg verstummt.

Die einzigen Lichtblicke für den kleinen Siggi (Levi Eisenblätter) sind die Malstunden bei Nansen (Tobias Moretti). Der Maler - als Vorbild für die Figur gilt Emil Nolde, dessen Bilder im Nationalsozialismus als «entartete» Kunst verboten wurden - lässt sich trotz aller Repressionen das Denken nicht verbieten. Und das Malen ebensowenig. Siggi deckt Nansen und riskiert Ärger mit seinem Vater. Der Dorfpolizist ist geradezu pflichtbesessen.

Schwochows sehenswerte Verfilmung der «Deutschstunde» lebt von der Top-Besetzung und der schwermütig-rauen Nordsee-Szenerie. Noethen spielt überzeugend den angepassten Spießbürger Jepsen, der selbst seinen Freund an die Nazis ausliefern würde, nur um Anweisungen Gehorsam zu leisten.

Moretti gibt den widerständigen Künstler, der um sein Werk, aber auch um die Freiheit seines Denkens und um die Freundschaft zu den Jepsens kämpft. Er inspiriert den kleinen Siggi, sich mutig zu widersetzen und für Überzeugungen einzustehen.

Über die Konflikte zwischen Jespen und Siggi sagte Hauptdarsteller Noethen: «Erschütternd ist, dass er versucht, seinen Sohn zu instrumentalisieren, und zugleich hofft, ihn dadurch auf den richtigen Weg zu bringen. Und dramatisch ist, dass der Sohn seinen Vater liebt und deshalb zwischen den unterschiedlichen Interessen zerrieben und völlig aus der Bahn geworfen wird. Das ist eine starke Idee von Lenz.»

Siegfried Lenz (1926-2014) hat mit «Deutschstunde» 1968 einen Bestseller veröffentlicht, der zum Klassiker wurde. Die Geschichte behandelt zeitlose Fragen - zum Beispiel: Wie weit darf oder muss Pflichterfüllung gehen? - und sie zeigt, wie im Dritten Reich die bürgerliche Pflichterfüllung zur Macht der Nationalsozialisten beigetragen hat. Eine «Deutschstunde» als Geschichtsstunde.

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