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Die Taubblinde

Melanie Wegerhoff (rechts) und Gebärdendolmetscherin Sabrina Bille

Melanie Wegerhoff ist taubblind und hat zum Interview eine Gebärdendolmetscherin mitgebracht. Sie ist nicht vollblind und volltaub. Sie kann zum Beispiel Geräusche wahrnehmen, etwa wenn ein Auto vorbeifährt oder die Mikrowelle piepst. Außerdem kann sie in einem eingeschränkten Bereich sehen, deswegen konnte sie mit Hilfe einer Gebärdendolmetscherin mit uns sprechen. Bei Menschen, die vollblind sind braucht man Dolmetscher, die über Lormen mit ihnen kommunizieren. Bei dieser Technik wird eine Art Alphabet in die Hand des Betroffenen geschrieben.


Welche Themen beschäftigen Sie im Moment besonders?

Für mich ist natürlich das Thema Barrierefreiheit wichtig, insbesondere für Menschen, die taubblind sind beziehungsweise eine Seh- oder Hörbehinderung haben. Ich habe festgestellt, dass es viele Hindernisse gibt für Menschen, die eine Sinnesbehinderung haben. Inzwischen gibt es im Schwerbehindertenausweis das Merkzeichen „TBL“ für Taubblindheit, damit die Betroffenen mehr Unterstützung bekommen. Das ist schon vor acht Monaten genehmigt worden – aber passiert ist bisher nichts. Ich kenne keinen Betroffenen, der mehr finanzielle Hilfe in Anspruch nehmen konnte. Zum Beispiel geht es darum, dass man eine Taubblinden-Assistenz oder einen Gebärdensprachendolmetscher für den Arbeitsplatz bezahlt bekommt. Oder einen Assistenten der einen von A nach B bringt. Es ist auch sehr schwierig eine Bewilligung für spezielle Hilfsmittel zu bekommen, die man als Taubblinder braucht, etwa einen Spazialwecker. Ein Gehörloser braucht einen Wecker mit einem starken Lichtsignal oder einer starken Vibration. Ein Blinder kann ja einen normalen Wecker benutzen. Aber ein Taubblinder braucht einen speziellen Wecker, damit er den überhaupt bemerkt.

Wie sieht denn Ihr Alltag aus?

Meine Arbeit findet hauptsächlich am Computer statt, da habe ich eine spezielle Software für die Vergrößerung. Bei Teamsitzungen sind dann immer Gebärdendolmetscher anwesend. Für Außentermine nehme ich immer eine Taubblinden-Assistenz mit, die mich auf dem Weg begleitet und für die Vorträge sind dann wieder Dolmetscher dabei. Durchschnittlich würde ich sagen, dass in der Woche ungefähr vier bis sechs Stunden Dolmetscher anwesend sind. 


Wo treffen Sie im Alltag auf Hindernisse?

Zum Beispiel beim Einkaufen. Ich kann das Auto nicht benutzen, also muss ich  in der Nähe einkaufen und muss alles schleppen. Auch das Kaufen von Anziehsachen ist für mich sehr anstrengend, weil mir in der Stadt so viele Menschen begegnen. Bei Beratungsgesprächen in den Läden brauche ich dann auch eine Assistenz. Und im Winter ist es für mich noch schwieriger, weil es früher dunkel wird und das meine Sicht noch stärker behindert.


Ist es mit einer solchen Behinderung nicht unglaublich schwierig einen Job zu bekommen?


Es ist wirklich leider so, dass es viele Behinderte gibt, die wegen ihrer Behinderung keinen Beruf ausüben können. Viele Arbeitgeber zweifeln auch daran, ob das überhaupt klappt, mit jemandem mit einer Behinderung. Vor allem mit einer Sinnesbehinderung. Es gibt viele Hilfsmittel, sodass die Leute ganz normal in einen Beruf einsteigen können. Aber das wissen viele Menschen nicht. 


Haben Sie das Gefühl, dass sich die Politiker ausreichend um Menschen mit Behinderung beziehungsweise um das Thema Inklusion kümmern?

Von meinem Gefühl her läuft das alles sehr langsam. Gerade im Bereich der Taubblinden. Das ist halt eine relativ unbekannte Behinderung und ich habe das Gefühl, dass da noch weniger gemacht wird. Niemand weiß, wer welche Kosten trägt und es gibt auch keine Beratungsstellen speziell für Taubblinde. Ich denke da muss man noch mehr für tun. Ich bin sehr froh, dass das „Kompetenzzentrum selbstbestimmt leben für Menschen mit Sinnesbehinderung“ hier in Essen gegründet wurde und ich glaube, das ist eine gute Chance, mehr darauf aufmerksam zu machen.


Was sollte sich in der Politik ändern?


Sie muss klare gesetzliche Grundlagen schaffen, insbesondere für die Finanzierung von Inklusion. Da ist oft nicht klar, wer was bezahlt. Es braucht eine eindeutige Förderung für Menschen mit Behinderung, damit jeder selbst entscheiden kann, wie er leben möchte.


Warum ist es für Sie wichtig bei der Bundestagswahl Ihre Stimme abzugeben?

Ich finde es extrem wichtig. Für die Taubblinden ist es schwierig zu wählen. Viele wollen wählen, aber ihnen fehlen Informationen. Und auch der Zugang zu den Wahllokalen ist ein Problem. Die Politiker müssen darauf aufmerksam gemacht werden. Und teilweise sind die ja auch anwesend, da muss man dann auch vor Ort mal informieren.


Was ist denn das Problem bei den Wahllokalen?

Viele bräuchten dafür eine Assistenz, die einen dahin bringt – die bekommt man aber nicht bezahlt, um ins Wahllokal zu gehen. Ich muss auch mit jemandem aus meinem persönlichen Umfeld gehen, der mich zum Wahllokal bringt. Eine Briefwahl ist auch nur sehr schwer möglich, weil sie nicht barrierefrei ist. Wenn jemand Braille (Blindenschrift) kann, dann ist das möglich, aber das kann nicht jeder lesen.


Für die Wahl brauchen Sie einen Stimmzettel in Braille-Schrift. Muss man sich dann vorher ankündigen oder hat jedes Wahllokal davon welche vorrätig?

Dafür gibt es eine Wahlschablone, die man vorab anfordern kann. Mit Hilfe dieser Schablone kann man dann quasi erfühlen, wo auf dem Stimmzettel die unterschiedlichen Parteien aufgelistet sind und sein Kreuzchen auch wirklich an der richtigen Stelle machen.


Welche Frage würden Sie den Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl gerne mal stellen?

Ich würde fragen, wann das Bundesteilhabegesetz, das vor kurzem eingeführt wurde, in die Tat umgesetzt wird. Bisher gibt es das auf dem Papier, mehr aber nicht.


Melanie Wegerhoff hat quasi Glück, dass sie wählen gehen kann, unter anderem viele Behinderte in Deutschland werden von der Wahl ausgeschlossen. Betroffen sind über 80.000 Menschen, die in allen Angelegenheiten betreut werden: das heißt bei  Gängen zu den Behörden, zum Arzt, Geldgeschäften. Häufig trifft das eben Menschen mit Behinderung. Sie werden bei der Bundestagswahl ausgeschlossen – durch das Bundeswahlgesetz. Reporterin Jasmin Ashauer hat mit Menschen gesprochen, die das ändern wollen.

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