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Der Eingewanderte



Was beschäftigt Sie im Moment besonders im Alltag?


Die Flüchtlingsthematik. Ich komme selbst aus dem Iran, mein Vater ist damals mit uns nach Deutschland geflohen. Mittlerweile bin ich eingebürgert und habe den deutschen Pass. Aber auch andere politische Themen interessieren mich natürlich, zum Beispiel der Dieselskandal. Oder was ich unmöglich finde: Da wird eine Frau entlassen, weil sie mal eine Frikadelle gegessen hat, die weggeworfen werden sollte. Manager erlauben sich Dinge, die die ganze Wirtschaft und den Ruf Deutschlands weltweit gefährden und bekommen keine Strafe dafür. Ich finde die Verhältnismäßigkeit ist da nicht gegeben. Meines Erachtens nach hat die Politik da zu viel Angst.


Sie haben jetzt einen Doppelpass, richtig?

Ja, aber ich finde das selbst gar nicht gut. Es ist so, dass der Iran einen nicht aus der Staatsbürgerschaft entlässt. Man wird als Iraner geboren und wird auch als Iraner sterben. Mit 18 Jahren habe ich mich für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden, den iranischen Pass habe ich aber nach wie vor.


Das heißt also, wenn es den Doppelpass nicht gäbe, dann hätten Sie die deutsche Staatsbürgerschaft gar nicht annehmen können, oder?


Ich weiß nicht, wie das rechtlich geregelt wird. Ich bin der Meinung, dass man nur eine Staatsbürgerschaft haben sollte und ich hätte mich dann für die deutsche entschieden. Mein Vater ist vor ca. 30 Jahren mit uns nach Deutschland geflohen. Wir haben Deutschland viel zu verdanken, wir wurden so herzlich hier empfangen, wir haben die Sprache beigebracht bekommen, mein Vater hat die Chance bekommen hier zu arbeiten, wir durften hier zur Schule gehen und hier studieren. Das sind alles Privilegien, die man woanders auf der Welt nicht hat. Essen ist für uns zur Heimat geworden. Mit 18 Jahren habe ich mich für die Staatsbürgerschaft entschieden, weil ich deutsch denke und deutsch fühle. Ich bin unendlich dankbar für die Möglichkeiten, die ich hier bekommen habe.


War es denn schwierig für Sie sich einbürgern zu lassen?

Natürlich gab es auch Situationen, die nicht so schön waren. Ich wollte zum Beispiel mal ein Wohnmobil mieten in Mülheim. Der Verleiher wollte mir schon allein wegen meines Aussehens nicht die Hand gegeben. Aber das sind Einzelfälle. Die wird es überall auf der Welt geben. Und das ist auch der Fehler, den viele Ausländer meiner Meinung nach machen. Ihnen passieren solche Dinge – beim Einkaufen, bei einer Behörde, wo auch immer – ihnen passiert etwas unschönes und sie denken nicht: „Derjenige hatte einen schlechten Tag“, sondern: „Derjenige hat was gegen Ausländer“.  


Finden Sie, dass die Politik sich ausreichend um Menschen wie Sie kümmert, die sich integrieren wollen und vielleicht sogar die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen wollen?


Also erstmal muss man es auch selbst wollen. Wenn jemand von vornherein negativ denkt, dann kann auch nichts fruchten. Man kann nicht immer nur sagen: „Die Politik muss es machen.“ Ich glaube, dass die Politik einiges tut, ich bin aber auch der Meinung, dass sie noch viel mehr tun kann.


Was sollte sich in der Politik ändern?


Man sollte bei den Kindern ansetzen. Mein Onkel zum Beispiel hat zwei Töchter. Er wollte nie was von Mülltrennung wissen, aber schon als die Kinder im Kindergarten waren, haben sie das da beigebracht bekommen und das mit nach Hause gebracht – und meint Onkel hat dann mit 50 Jahren angefangen den Müll zu trennen. Ich bin der Meinung, man muss bei den Kindern ansetzen und ihnen Werte vermitteln. Das muss man in der Schule und im Kindergarten tun, das darf man nicht irgendwelchen Hass-Predigern überlassen. Wenn wir den Kindern keine Werte vermitteln und ihnen nicht beibringen, was gut und schlecht ist, dann kann nichts aus unserer Zukunft werden. Denn unsere Zukunft, das sind die Kinder. Außerdem glaube ich, dass Politik transparenter sein muss. Ich habe das Gefühl, dass sie einige Menschen nicht mitnimmt, insbesondere die Jugend.


Warum ist es für Sie wichtig bei der Bundestagswahl Ihre Stimme abzugeben?

Ich finde, es ist unglaublich wichtig, dass jeder seine Stimme abgibt. Wir leben in einer Demokratie und das muss man wertschätzen. Das Problem ist, dass viele das nicht tun. Wenn wir wählen gehen, dann haben wir auch die Möglichkeit etwas zu bewegen. Wenn wir nicht wählen gehen, dann geben wir Randgruppen die Möglichkeit mehr Macht zu bekommen, als ihnen eigentlich zusteht. Deswegen meine Bitte an alle: geht wählen! Was Schöneres kann man nicht für sich und sein Land tun.


Welche Fragen würden Sie den Spitzenkandidaten bei der Bundestagswahl gerne einmal stellen?


Wie möchten Sie die Jugendlichen erreichen, die sie im Moment leider nicht erreichen? 

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